Heute räume ich den Blog für einen Gast: Sabine Omarow. Sie ist Diplomierte Legasthenietrainerin® und Psychologische Beraterin IAPP und leitet hier in Paderborn eine Nachhilfeschule für Lerntraining. In ihrem Gastbeitrag schreibt sie über den sprichwörtlichen “Ernst des Lebens”, den wir allzu häufig mit dem ersten Schultag verknüpfen, und warum das keine gute Idee ist.

Sabine Omarow, Bild: Sabine Hergemöller

Wenn ein Kind in die Schule kommt

Wenn ein Kind in die Schule kommt, ändert sich für das Kind und die Familie sehr viel. Plötzlich hört man solche Sätze: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“ Was ist denn passiert? Warum ist jetzt vom Ernst des Lebens zu sprechen?

Im Kindergarten sind Fehler zum Lernen da

In der Kita und im Vorschulalter machen Kinder Fehler und lernen daraus. Sie spielen viel, klettern, fallen, stehen wieder auf. Sie lernen enorm viel! Aber sie merken das gar nicht richtig, oder vielleicht dann,wenn sich Eltern und Großeltern plötzlich riesig darüber freuen, dass das Kind jetzt bis 10 zählen oder schon einen Buchstaben abmalen kann. 

Bereits in der 1. Klasse kommen die ersten Enttäuschungen

Plötzlich wird das Kind bewertet und verglichen. Die Lehrerin findet es zum Beispiel nicht gut, wie das Kind malt, rechnet oder schreibt. Und auch die anderen Kinder vergleichen sich rigoros miteinander. Das ist wohl mit dem Ernst des Lebens gemeint. Das Leben besteht nicht mehr nur aus Spiel, sondern es werden Leistungen erwartet.

Wie können Eltern ihre Kinder jetzt unterstützen?

Sie können Ihre Kinder am besten mit viel Geduld unterstützen. Gelingt etwas nicht sofort, dann helfen Sie Ihrem Kind oder trösten es sogar. Denn die Kinder möchten ja lernen, sie möchten so gut vorankommen wie die anderen Kinder aus der Klasse. Und das Lernen des Schreibens, Lesens und Rechnens ist eben nicht so einfach, wie uns Erwachsenen das oft erscheint. Wir haben vergessen, wie schwer manches Fach für uns war.Oder wenn Eltern es selber in der Schule leicht hatten, fehlt Ihnen vielleicht das Verständnis dafür, dass das alles nicht leicht ist und Zeit und Vertrauen braucht.

Druck ist nie gut

Der Druck wird oftmals durch die Schule aufgebaut. Manchmal aber auch von den Eltern, die dann bereits an die Zukunft des Kindes denken. Doch Druck ist sehr schlecht und bewirkt oft genau das Gegenteil, die Kinder versuchen der Situation zu entgehen, indem sie sich verweigern, immer trödeln, weinen, manche werden sogar krank, weil sie Ängste aufbauen.

Was sollten Eltern insbesondere vermeiden?

Oft wird empfohlen, viele Diktate mit dem Kind zuschreiben. Das ist ein sehr schlechter Rat. Diktate sind in meinen Augen dazu da, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nachhaltig zu zerstören oder zu belasten. Diktate sind tatsächlich nur Momentaufnahmen dessen, was ein Kind kann. Das sind Kontrollen, nichts weiter. Ein Kind lernt dabei nichts. Viel besser sind Silbenübungen, Ableitübungen und das Aufarbeiten der Regeln.

Ich lasse die Kinder erst einmal die Silben klatschen. Das Wort Tomate hat drei Silben. Die Kinder malen die Silbenbögen auf.

Nun ermitteln wir die Selbstlaute und schreiben diese auf die Silbenbögen.               

Dann erst dürfen die Kinder die Silben darunterschreiben.

                  o           a              e

                To –         ma  –       te               Tomate

Die Silben zu erforschen, die langen und kurzen Selbstlaute herauszufinden und was dann mit den Silben passiert, das ist wichtig und bringt sehr viel. Abschreibübungen bringen übrigens gar nichts, außer Frust beim Kind!

Wie das Lesen den Kindern verleidet wird?

Ein weiterer Fehler wird sehr oft beim Lesen gemacht. Vielen Kindern wird das Lesen regelrecht vermiest! Auch hier kommt oft der falsche Rat – die Kinder müssten jeden Abend vor dem Schlafen lesen. Eltern meinen, wenn sie mit dem Kind abwechselnd lesen, wäre das ja nicht so schlimm. Ich empfehle: Abends lesen die Eltern vor, und nur die. Denn das abendliche Vorlesen bringt Nähe, die Neugierde auf neue Geschichten und die Freude am Lesen.

Das Üben des Lesens sollte irgendwann am Nachmittag geschehen. Auch hier sollten Sie mit Silben beginnen und ganz einfachen Leseübungen. Es gibt Bücher, in denen sind die Silben bunt markiert. Das ist eine sehr gute Hilfe und sehr zu empfehlen.

Kinder sollen selbstständig werden?

Sehr oft wird den Eltern vorgeworfen, sie würden ihren Kindern zu viel helfen oder zu lange helfen. So lange Ihr Kind die Hilfe benötigt, so lange sollten Sie ihm helfen. Es wird trotzdem irgendwann selbstständig. Es kann nicht selbstständig werden, wenn es Probleme beim Schreiben oder Rechnen hat und ihm die Hilfe versagt wird. Ich habe meinen Kindern bis zum Schulabschluss geholfen und auch ab und zu während des Studiums. Warum auch nicht?

Viele denken sehr früh an den Schulabschluss

Ich möchte zum Schluss darauf hinweisen, dass der Weg zum Studium nicht immer geradlinig sein muss. In Deutschland kann ihr Kind jeden Schulabschluss auch später nachholen. Manche Kinder reifen erst später, werden später schulreif. Diese brauchen mehr Zeit, mehr Unterstützung und Geduld. Wichtig ist die Gesundheit des Kindes, und dass es nicht den Mut verliert.

Wir dürfen die Kinder in der Schule nicht nur daran messen, welche Zensuren sie bekommen. Wir müssen auch daran denken, dass die Kinder jetzt Kinder sind und geliebt werden möchten, egal welche Zensuren sie mit nach Hause bringen. Sie möchten Zeit zum Spielen haben. Spielen ist ja auch lernen.

Dieser Text ist ein Gastbeitrag von Lerntrainerin Sabine Omarow. Für Fragen und Anmerkungen steht sie hier in den Kommentaren zur Verfügung, ansonsten ist ihre Webseite mit ihrer Praxis für Lerntraining hier zu erreichen.

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