Als meine Große Vorschulkind wurde, begann mein Unbehagen. Natürlich habe ich mich gefreut, dass sie nun „groß“ ist und bald ein Schulkind. Doch die Freude brachte ihre bucklige Verwandtschaft mit, die Sorgen und die Zweifel: Mein Kind in der Schule? Wird sie da nicht „untergehen“? Wie wird sie mit dem Druck, den Erwartungen und der neuen Herausforderung klar kommen? Diese und weitere Fragen stellen sich viele Eltern, so auch Katharina und Karsten Hink, die nun eine freie Schule in Paderborn gründen wollen. Ich habe mich mit ihnen zum Gespräch beim Offenen Treffen im Koberstein getroffen.

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Beim offenen Treff im Koberstein: Jeden vierten Sonntag im Monat um 16h sind Interessierte herzlich eingeladen sich zu informieren.

Hallo, wer seid ihr und wie seid ihr auf die Idee zu einer freien, demokratischen Schule gekommen?

Karsten: Ich bin Karsten Hink, Lehrer für Deutsch und Sport im Regelschulsystem und Vater von zwei Kindern im Alter von 2 und 6. Der Große wird bald eingeschult, und da fragen wir uns natürlich wie alle Eltern: Wo geht’s hin? Und das war der Beweggrund für uns, uns der Initiative zur „Freien Schule“ anzuschließen.

Katharina: Ja, wir sind mit dem starren System der Regelschule nicht ganz so zufrieden. Unser Sohn wird jetzt erstmal normal in die Grundschule eingeschult. Wenn die Freie Schule dann steht, kann er sich selbst entscheiden, ob er dorthin wechseln will. Wir wollen halt, dass er sich entscheiden kann.

Woher kam diese Initiative für die Freie Schule?

Katharina: Ich habe von Bekannten von der Idee gehört und war gleich begeistert, weil ich das Regelschulsystem nicht für alle Kinder für das Beste halte. Man hört immer wieder von Kindern, die da auf der Strecke bleiben. Die Frage ist ja auch: Warum sind z.B. Deutsch und Mathe Hauptfächer und Musik und Kunst nicht? In den Berufen wird doch auch viel Kreativität gefragt. Außerdem: Wer entscheidet denn eigentlich, welcher Millionstel Teil Wissen auf dem Lehrplan landet? Viel Schulwissen hilft im Leben niemandem weiter, und anderes wurde leider nicht vermittelt, weil die Zeit nicht reichte. Das wollen wir ändern!

Die Freie Schule ist also anders – Wie sieht denn so ein Schultag aus?

Karsten: Prinzipiell streben wir eine Gleitzeit an. Das müssen wir noch mit dem Land NRW abklären, da gibt es Vorgaben zu Schulzeiten und zur Anwesenheitspflicht. Wir beginnen dann mit dem Morgenkreis mit allen Kindern, und da können die Kinder sich entscheiden, was sie heute machen wollen. Es gibt keine Klassen, damit die Kinder altersunabhängig voneinander lernen können.

Katharina: Im Berufsleben arbeiten ja auch nicht nur Gleichaltrige zusammen, sondern Teams werden nach Fähigkeiten und Interessen zusammengestellt.

Karsten: Es gibt dann Kurse, die wir anbieten, und natürlich bereiten wir die Kinder auch auf die Schulabschlüsse vor. Wir werden den Abschluss Sek I anbieten, und wir gehen davon aus, dass die Kinder den Abschluss selbst machen wollen und entsprechend selbst daran arbeiten, aber alles freiwillig. Im Endeffekt machen die Kinder alles für sich – aber als Lernbegleiter sind wir als Lehrer natürlich da.

Für uns ist dieses System sinnvoller – die Kinder lernen aus eigenem Antrieb und ohne Zwang. Jeder kann von jedem lernen.

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„Alles ändert sich, wenn man es mit Leidenschaft macht.“

Findet das Lernen dann in einem großen Raum mit allen zusammen statt, oder wie muss ich mir das vorstellen?

Karsten: Es gibt mehrere Fachräume, z.B. ein Raum, der auf Deutsch ausgelegt wird, oder ein Raum für Mathe, der mit viel Montessori-Material ausgestattet ist. Mit dem Film „Schools of Trust“ bekommt man einen Eindruck, wie das dann aussieht.

Stichwort Montessori: Ist der pädagogische Ansatz an Montessori angelehnt? Und welchen Unterschied gibt es z.B. zu anderen Alternativschulen wie Waldorf und Montessori? (Da gibt es ja auch schon Schloß Hamborn in Paderborn.)

Karsten (lacht): Wir picken uns sozusagen die Rosinen aus allem raus. Wir sind weltanschauungsfrei. Alles, was auf wissenschaftlicher Basis positiv relevant ist, spielt in unseren Lerninhalten eine Rolle. Ich bin jetzt nicht der Montessorikenner, aber wenn etwas sinnvoll ist und funktioniert, dann setzen wir das ein.

Wir interessieren uns für den neuesten Stand der Forschung: Wie funktioniert Lernen? Wie lernen Kinder am besten?

Karsten Hink

Hm, das finde ich einen sehr schönen Ansatz! Aber was ist mit Erstklässlern? Die können sich ja noch gar nicht soviel selbst beibringen – lesen, zum Beispiel?

Katharina: Müssen denn Kinder überhaupt in der ersten Klasse schon lesen lernen? Vielleicht kommt das Interesse ja auch erst später. Das beobachten wir gerade sehr schön bei unserem Sohn: Er ist jetzt fünfeinhalb und hat festgestellt, dass er lesen können muss, wenn er seine Lego-Technik-Sachen aufbauen will. Da ist der Wille geweckt, und durch positive Impulse beschäftigt er sich mit Buchstaben – ganz ohne Druck.

Karsten: Oder Beispiel Mathematik: Welche Münzen brauche ich, um mir ein Eis zu kaufen? Wir holen die Kinder wirklich da ab, wo sie gerade stehen.

Und wie lang dauert so ein Schultag? Und gibt es ein OGS-Angebot? Als Eltern muss man ja auch irgendwie planen. Es ist ja schön, dass wir den Kindern den Freiraum geben, aber man selbst ist ja doch ins Arbeitsleben eingebunden…

Karsten: Je nach Nachfrage könnte es ein Nachmittagsangebot geben, ansonsten soll um 13h Schluss sein. Da hängen einige Dinge dran, wie z.B. Mittagessen. Wir versuchen aber auf Wünsche einzugehen und würden sehr gern ein Nachmittagsangebot machen, wenn das gewünscht ist.

Wie haltet ihr es denn mit Hausaufgaben? Das kenne ich von meinen Kindern, dass das nicht immer einfach ist…

Katharina: Es gibt viele Studien dazu, das Hausaufgaben nicht wirklich sinnvoll sind. Sie belasten die Beziehung zwischen Kindern und Eltern zum Beispiel. Daher wird es an der Freien Schule keine geben.

Gibt es Lernkontrollen?

Karsten: Natürlich, wenn Schüler das gern wollen, z. B. wenn sie einen Abschluss machen wollen. Der Ansatz ist ja, dass jedes Kind etwas von selbst lernen will. Daher gibt es Lernkontrollen auf freiwilliger Basis.

Was ist mit dem Schulabschluss? Ihr bietet einen Realschulabschluss an, oder?

Karsten: Hier in NRW ist es gar nicht so genau geregelt. Der Bundesverband für freie Alternativschulen BFAS sagt z.B., dass wir keinen Abschluss anbieten müssen. Unser Ziel ist es, dass wir die Kinder auf den Schulabschluss vorbereiten und sie dann an einer anderen Schule den Abschluss machen können.

Wie viele Lehrer seid ihr bis jetzt im Team?

Katharina: Wir haben einige Lehrer, die sich für das Projekt interessieren, aber wir haben jetzt noch keine Vorverträge oder ähnliches gemacht. So weit sind wir bisher noch nicht.

Welche Vorbilder habt ihr? Gibt es andere Freie Schulen, an denen ihr euch orientiert?

Katharina: Unser Vorbild ist – wenn überhaupt – die Freie Schule Heckenbeck. Da haben wir hospitiert und das Konzept übernommen. Die Schule hat uns super gefallen, und es gibt noch weitere, z.B. die Demokratische Schule in Berlin. Wir übernehmen natürlich nicht alles, aber eben das, was wir dort gut finden.

Wo steht ihr jetzt in eurer Planung?

Katharina: Wir würden gern im kommenden Jahr (2020) in Paderborn starten. Vorher haben wir noch einige Dinge zu erfüllen und vorzubereiten.

Was soll die Freie Schule dann kosten? In der Zeitung stand etwas von 200€ Schulgeld. Gibt es da auch Ausnahmen und Geschwisterregelungen?

Karsten: Wir versuchen das sehr niedrig zu halten, z.B. durch Kooperationen mit Firmen oder Crowd Funding. Um einen Elternbeitrag kommen wir leider nicht herum. Wir werden nur zu 87% vom Staat subventioniert, wenn alles durch ist. Der Elternbeitrag soll dann einkommensabhängig sein. Über Geschwisterregelungen kann ich jetzt noch nichts sagen, aber wir wollen das berücksichtigen.

Habt ihr schon einen Standort für die Schule?

Katharina: Wir haben in der Nähe vom SB etwas in Aussicht, aber das steht noch nicht ganz fest.

Dann drücke ich die Daumen! Letzte Frage: Kann man sein Kind schon anmelden?

Karsten: Bisher nicht, aber man kann sein Interesse schon bekunden – z.B. über das Offene Treffen hier im Koberstein oder die Facebookseite. Da gibt es inzwischen auch eine Gruppe.

Ok, vielen Dank euch für das Gespräch und viel Erfolg für die Freie Schule Paderborn!

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Links und weitere Informationen

Im Koberstein in Paderborn bieten Karsten, Katharina und ihre Mitstreiter jeden vierten Sonntag um 16h im Monat ein offenes Treffen für Interessierte an. Wer will, bleibt über die Facebook-Seite auf dem Laufenden.

Hier findest du einige Links mit weiteren Informationen:

Freie Schule Paderborn

Verband der Freien Alternativ-Schulen

Freie Schule Heckenbeck

Demokratische Schule Berlin

Sind Hausaufgaben noch notwendig oder längst überholt? – Text auf Deutsches Schulportal

Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer – FAZ 31.01.2016

„Eltern wollen in Paderborn eine Schule ohne Noten und Klausuren gründen“ – Artikel in der NW, erschienen am 12.06.2019

„Warum immer mehr Kinder Probleme mit der Regelschule haben“ – Artikel in der NW, erschienen am 14.07.2018

Lese- und Filmtipps

Der Film „Schools of Trust“ ist als DVD erschienen, aber du kannst ihn dir auch kostenlos im Internet ansehen: Schools of Trust – Teil 1/3 auf Youtube (weitere Teile sind dort verlinkt).

Eventuell findest du die folgenden Bücher auch Second Hand direkt auf Medimops.de* – hier gucke ich eigentlich immer zuerst.

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Author

Sonja alias Padermama - kreativ-wilde Mama von vier Kindern. Liebt ihren Garten, Nähen und laute Musik.

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