Vor Kurzem durfte ich an dem ZDF-Beitrag „Fast Toys – Womit unsere Kinder spielen“ mitwirken, der in der Reihe „planet e.“ erschienen ist. Das Thema hat mich aufgerüttelt. Nachhaltigkeit steht natürlich auch auf unserer Familienagenda, aber speziell bei Spielzeug ging mein Wissen nicht darüber hinaus, dass made in china = schlecht ist. Also habe ich ein bisschen recherchiert – erstmal in unseren Kinderzimmern, dann im Netz, und dann habe ich direkt Spielzeugfirmen angeschrieben.

Was ist eigentlich „nachhaltiges Spielzeug“ und welche Kriterien gelten hier?

Woran können wir als Eltern nachhaltiges oder ökologisches Spielzeug überhaupt erkennen? Welche Kriterien muss ich anwenden? Was umfasst der Begriff „nachhaltiges Spielzeug“ eigentlich alles? Diesen Leitfragen folgend habe ich mich auf die Suche begeben und fasse zunächst drei große Themen zusammen, die die Nachhaltigkeit von Spielzeug (und auch anderen Dingen) umreißen:

  1. Nachhaltiges Spielzeug bedeutet zunächst einmal, dass die Produktion nachhaltig ist. Das beinhaltet menschenrechtskonforme Arbeitsbedingungen und schließt Kinderarbeit aus. Das sollte für die gesamte Produktion und die Lieferkette gelten, also auch Zulieferer einschließen. Bei der Produktion geht es neben menschenrechtskonformen Bedingungen und Unterbringungen auch um faire Löhne und Arbeitsschutz sowie -sicherheit. Idealerweise arbeiten Produktion und Logistik entlang der kompletten Lieferkette bis in den Spielzeugladen klimaneutral.
  2. Das zweite, große Thema bei der Nachhaltigkeit ist die Frage nach Inhalts- und Schadstoffen des Spielzeugs. Woraus besteht ein Spielzeug? Sind die Farben für Kinder unbedenklich? Gibt es (biologisch abbaubare) Alternativen? Gibt es überhaupt Innovationen? Wird an Alternativen geforscht? Welche Möglichkeiten gibt es?
  3. Last but not least geht es beim Thema Nachhaltigkeit um die Entsorgung des Spielzeugs und seiner Verpackung. Viele Spielzeuge enden kaputt im Müll, die Verpackung sowieso: Wie steht es also um die Möglichkeit, Spielzeug und Verpackung zu entsorgen?

Aber wie können wir als Eltern das erkennen? Welche Orientierungshilfen – z.B. in Form von Siegeln – gibt es?

nachhaltiges spielzeug

Toys Report 2020: Menschenrechtsverletzungen in chinesischen Fabriken

Das Bewusstsein für Arbeitsbedingungen und Inhaltsstoffe ist insgesamt unter den Verbrauchern gestiegen. Auch, weil es zum Beispiel in der Textilindustrie negative Schlagzeilen über die Produktionsbedingungen gab, oder weil im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft immer wieder üble Machenschaften von Sklaverei und Ausbeutung ans Licht kommen. Oder weil das Thema uns über die Schokoladen- und Kaffeebranche erreicht. Nachhaltigkeit ist mit allen Wirtschaftszweigen verzahnt, so auch mit Spielzeug.

Sollte es uns jetzt überraschen, wenn wir im jährlich erscheinenden Toys Report der Christlichen Initiative Romero, die mit China Labor Watch zusammenarbeitet, von Menschenrechtsverletzungen in der Spielzeugproduktion lesen?

So günstig wie in China kann man in Europa nicht produzieren, das ist allgemein bekannt. Je mehr und je schneller aber dort produziert wird, desto mehr Fragen stellen Menschenrechtler an China: Wohnbedingungen wie hierzulande nur in Großschlachtereien, schlechter bis gar kein Schutz vor Chemikalien, schlechte Bezahlung, Überstunden, psychischer Druck, Kinderarbeit und sexuelle Belästigung fallen mir stichpunktartig nach einer ersten Recherche im Toys Report der letzten drei Jahre entgegen.

Der Toys Report 2020 hat zwei chinesische Spielzeugfabriken untersucht und prangert schlechte Arbeitsbedingungen und Zustände an:

In der Fertigung von Changan Mattel liegen die täglichen Produktionsvorgaben für jede einzelne Produktionslinie bei etwa 1300 bis 1400 Produkten. Das bedeutet, dass Arbeiterinnen mehr als 100 Produkte pro Stunde herstellen müssen. Die Arbeiterinnen haben nur 30 Minuten Zeit, um eine
Mahlzeit einzunehmen und arbeiten täglich 10 Stunden von Montag bis Samstag. Die
Arbeiter*innen machen im Allgemeinen 80 Überstunden im Monat.

aus dem Toys Report 2020, S. 4-5
woran erkenne ich nachhaltiges spielzeug?

Um Arbeitssicherheit und Hygiene ist es in der Fabrik, in der die „Color Reveal Barbie Puppe“ hergestellt wird, nicht gut bestellt. In 2020 kam die Gefahr einer Ansteckung mit COVID-19 hinzu. Verdeckte Ermittler der Christlichen Initiative Romero und China Labor Watch finden grauenhafte Zustände jenseits von Arbeitssicherheit vor. Auf Schwangere wird keine Rücksicht genommen, und das für niedrige Löhne und unbezahlte Überstunden, bei hoher Arbeitsbelastung, sexueller Belästigung und psychischem Druck.

Der Mattel-Konzern wurde bereits 2019 im Toys Report negativ genannt – seitdem ist jedoch nichts passiert. Auf meine Anfrage wurde ich auf diese Unternehmensseiten verwiesen. Hier führt Mattel seine Selbstverpflichtung zu Arbeitsschutz und -sicherheit aus, laut der eben genau die Dinge ausgeschlossen werden sollen, die der Toys Report genannt hat. Eine weitere Stellungnahme gibt es nicht. Weiter prüfen kann ich es nicht. Was bleibt, ist ein fader Nachgeschmack.

Eine politische Verpflichtung (Stichwort: Lieferkettengesetz) oder ein Siegel, das solche Standards regelt und Verbrauchern Orientierung geben könnte, gibt es bislang nicht für Spielzeug. Dafür setzt sich die Christliche Initiative Romero ein, die auch den Toys Report erstellt. Ihr Ziel ist es, die Spielzeughersteller und den Spielzeughandel in Deutschland dazu zu verpflichten, „Verantwortung zu übernehmen und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in den Spielzeugfabriken zu sorgen“ (Quelle).

Fair Toys aus China?

Einige Hersteller sehen sich bereits in der Verantwortung und haben selbst Standards erstellt, an die sie sich zu halten versprechen. Der deutsche Hersteller Heunec ist beispielsweise Mitbegründer der Fair-Toys-Initiative. Diese Initiative wurde im Juli 2020 gegründet und umfasst derzeit 11 Mitglieder, darunter auch Haba, Fischertechnik und sigikid.

Obwohl ein Teil der Spielzeuge noch immer in China produziert wird, werden dort menschenrechtliche Standards eingehalten und kontrolliert. Das war mir neu: Offenbar muss man hier ein bisschen mehr differenzieren: Auch in China scheint es möglich zu sein, zu produzieren, ohne dass Menschen ausgebeutet werden. Diese Vorgabe muss sehr deutlich vom Auftraggeber formuliert werden, ein Zusammenschluss wie „Fair Toys“ hilft hier natürlich, um da einen Standard zu etablieren, der Menschenrechte in den Fokus rückt.

Gibt es bisher nicht schon irgendwelche Standards? – muss man sich zwangsläufig fragen. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) weist auf den Weltverband der Spielzeugindustrie (International Council of Toy Industries, ICTI) hin, der 2001 den Verhaltenskodex „ICTI Care“ ins Leben gerufen hat. Mittlerweile wurde das Programm in „ICTI Ethical Toy Program“ umbenannt, ist aber nicht verpflichtend, sondern ein freiwilliges Programm. In der Vergangenheit, so führt die GEW hier aus, hat es auch Betrugsfälle gegeben. Aktuell ist es aber das einzige Programm, das sich überhaupt offiziell damit beschäftigt, der Mindest-Ethik-Standard sozusagen.

nachhaltiges spielzeug

Spielzeughersteller und Nachhaltigkeit

Wie sieht es bei bekannten Herstellern aus? In unseren Kinderzimmern nehmen Lego, Playmobil und Schleich mengenmäßig die Spitzenpositionen ein. Wie halten diese Hersteller es mit der Nachhaltigkeit?

Ein Blick auf die Homepage einzelner Hersteller zeigt, wo sich mal mehr, mal weniger Verantwortung sichtbar zeigt: Lego hat eine Seite zum Thema „Lieferkette“ (auf Englisch) und zeigt damit immerhin ein Bewusstsein für das Thema. Man verpflichtet sich zu dem erwähnten ICTI-Programm und listet alle Zulieferer namentlich auf. Regelmäßig finden nicht-interne Audits statt, die die Umsetzung der selbst gesetzten „12 Responsible Business Principles“ kontrollieren.

2019 fand Lego negative Erwähnung im Toys Report. Darauf geht Lego direkt ein:

In 2019 one supplier to the LEGO Group was included in a report from China Labor Watch alleging poor working conditions at Chinese factories. We take such findings very seriously and are working with the supplier and the ICTI Ethical Toy Programme (IETP), to conduct a thorough review of conditions at the factory to address the issues raised.

Quelle

Im Toys Report von 2020 wird Lego nicht mehr erwähnt. Hier wurden vor allem Mattel Verstöße gegen den ICTI-Kodex vorgeworfen, die sie nach ihrem eigenen Kodex „Responsible Supply Chain Commitment“ (RSCC) nicht haben dürften. Hier stehen am Ende Aussage gegen Aussage. Eine Sicherheit habe ich als Verbraucherin nicht.

Bei Playmobil finde ich auf der Website das recht allgemein gehaltene Selbstversprechen zu Umwelt- und Energiepolitik. Auf Nachfrage erhalte ich ein paar Antworten. „Playmobil wird in Europa produziert“, heißt es, „und damit bestehen hohe arbeitsrechtliche Standards.“ Immerhin produziert Playmobil hauptsächlich in Europa, auch, weil eine Produktion in China mit zu vielen Risiken belastet ist. In einem Interview von 2014 erklärt Firmenchefin Andrea Schauer, warum:

Die Risiken sind uns zu hoch: Wir haben hier einen guten Überblick über die Abläufe und die Fertigung. Ich kann auf Nachfrageschwankungen direkt reagieren. Und mit der eigenen Mannschaft bin ich sicher, dass nicht irgendetwas Unangenehmes hochpoppt. Lediglich die elektronischen Gimmicks wie Blinklichter oder Sirenen – die lassen wir in China produzieren. Der Rest wird komplett in Europa gefertigt, vieles in Franken.

Zitat aus einem Welt-Interview von 2014, Quelle

Die Probleme, die Schauer hier anspricht, sind spätestens 2020/2021 als Folge der Corona-Pandemie für viele Hersteller Realität geworden, denn Corona sorgte in allen Branchen für massive Lieferengpässe. Dies erfahre ich auch in einem persönlichen Gespräch mit Alison Jones (Chief Operating Officer) und Victoria Sutch (Chief Transformation Officer) von Schleich, bei denen ich mit dem Thema Nachhaltigkeit gerade offene Türen einlaufe.

Schleich wurde im Toys Report 2018 noch negativ erwähnt – ein Vorfall, den meine Gesprächspartnerinnen sehr bedauern. Daraus wurden Konsequenzen gezogen – nicht nur als Reaktion darauf, sondern auch, weil Authentizität bei Schleich groß geschrieben werde: Man will nicht nur die Tiere realistisch nachbilden, sondern sieht sich als Spielzeughersteller in der Pflicht und Verantwortung für eine menschenwürdige Produktion.

Seit 2018 hat sich sehr viel getan, beispielsweise wurde ein „Code of Conduct“ erarbeitet, der die Sicherheit von Arbeiter:innen in den Werken der Zulieferer garantieren soll. Schleich ist ebenfalls dem ICTI-Kodex und dem Verband der deutschen Spielwarenindustrie angeschlossen, die sich ebenfalls zu ethischen Standards verpflichten. Intern gibt es unangekündigte Kontrollen in den Fabriken, die diese Standards kontrollieren und gegebenenfalls Maßnahmen zur Besserung ergreifen.

Nun kann man natürlich auch argumentieren, dass Papier sehr geduldig ist. Ich muss allerdings gestehen, dass ich von der Offenheit, mit der meine beiden Gesprächspartnerinnen über das Thema mit mir sprechen, positiv überrascht bin. Es ist ihnen ein persönliches Anliegen, hier wirklich sauber zu arbeiten. Ich bin sehr gespannt, wie es hier weitergeht – wir haben uns zu einem weiteren Gespräch zum Ende des Jahres hin verabredet.

nachhaltiges spielzeug

Inhalts- und Schadstoffe in Spielzeug?

Wenn man sich mit Nachhaltigkeit in der Spielzeugindustrie beschäftigt, geht es nicht allein um die Herstellung, sondern auch um die Inhalts- und eventuelle Schadstoffe, die in dem Plastik (meist ist es ja Plastik) enthalten sind.

Wenn man mal bei der Stiftung Warentest nachschaut, fallen noch immer viele Spielzeuge aufgrund von gefährlichen oder gefährdenden Inhaltsstoffen durch. Auch in dem ZDF-Beitrag, bei dem ich mitwirken durfte, kam die Stiftung Warentest zu Wort, und ihr Urteil ist nicht immer positiv: Es sind oft kleine Teile, die z. B. den Flammtest nicht bestehen, oder in denen Gift- und Gefahrenstoffe auftreten, die schädlich sein können.

Im Dezember 2008 wurde eine EU-Spielzeugrichtlinie erneuert. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) bewertete die Neuerung schon damals als „unzureichend“. Nach der Richtlinie von 2008 wurden die gesetzlichen Grenzwerte für beispielsweise Blei erhöht, für Nickel fehlte in der neuen Regelung die Erwähnung ganz, und das, obwohl Nickel einer der häufigsten Auslöser für Kontaktallergien ist. Über krebserregende Stoffe heißt es in der Pressemitteilung:

So sieht das Regelwerk zwar vor, dass so genannte CMR-Stoffe – das sind chemische Substanzen, die Krebs erzeugen, das Erbgut verändern oder die Fortpflanzung beeinträchtigen können – in Spielzeug nicht verwendet werden dürfen. Andererseits sollen künftig die Grenzwerte des Chemikalienrechts auch für Spielzeug gelten. Danach darf Spielzeug wiederum diese CMR-Stoffe in Mengen von bis zu 0,1 Prozent (1 g/kg Spielzeugmaterial) enthalten. Dem gesundheitlichen Verbraucherschutz für Kinder genügt dies nicht. Deswegen muss nach Ansicht des BfR alles Spielzeug, das aufgrund seiner Größe in den Mund genommen werden kann, genauso streng beurteilt werden wie Materialien in Kontakt mit Lebensmitteln. Danach darf die Freisetzung von CMR-Stoffen analytisch nicht nachweisbar sein. Dies ist nach der neuen Regelung nur für Spielzeug für Kinder unter 36 Monaten vorgesehen.

Pressemitteilung 29/2008 des Bundesamtes für Risikobewertung vom 28.12.2008

Diese Pressemitteilung ist von 2008! Was hat sich seitdem getan? Leider muss ich sagen: Nichts. 2010 beschäftigte sich das BfR wieder mit Nickel in Spielzeug und befindet:

Für Duftstoffe in Spielzeug gibt es in der neuen EU-Spielzeugrichtlinie Regelungen, die aber Ausnahmen zulassen: So sind 55 bekanntermaßen allergieauslösende Duftstoffe verboten, elf weitere müssen wegen ihres allergenen Potenzials gekennzeichnet werden. Die verbotenen Duftstoffe dürfen aber in Spurengehalten von bis zu 100 Milligramm pro Kilogramm Spielzeugmaterial nachweisbar sein. Nach Auffassung des BfR ist diese Grenze zu hoch, diese Duftstoffe sollten in Spielzeug gar nicht nachweisbar sein. Für die kennzeichnungspflichtigen Duftstoffe empfiehlt das BfR, den derzeit gültigen Deklarationsgrenzwert von 100 Milligramm je Kilogramm Spielzeugmaterial auf zehn Milligramm je Kilogramm abzusenken. Spielzeug für Kinder unter drei Jahren sollte nach Auffassung des BfR gar keine Duftstoffe enthalten.

Pressemitteilung 09/2010 des Bundesamtes für Risikobewertung vom 07.07.2010

2013 weist das BfR noch einmal speziell auf hohe Nickelwerte in Metallspielzeug hin, seitdem finde ich keine Pressemitteilungen mehr zum Thema Spielzeug.

nachhaltiges spielzeug

Der BUND hat 2015 stichprobenartig einige Spielzeuge untersucht und die Ergebnisse in dieser Broschüre (pdf) veröffentlicht. Festgestellt wurden bei einigen Spielzeugen leicht erhöhte bis stark erhöhte Phtalat-Werte. Was Phtalate sind und warum sie so schädlich sind, wird ebenfalls erklärt:

Phthalate sind in vielen Produkten enthalten, die aus PVC bestehen. Die Stoffe werden eingesetzt, um Kunststoffe wie PVC geschmeidig zu machen. Der breite Einsatz von Phthalaten ist sehr bedenklich, weil sie ähnlich wie Hormone wirken. Bei Kindern können sie zum Beispiel die sexuelle Reifung stören. Die Belastung mit hormonartig wirkenden Stoffen wird für die sinkende Fruchtbarkeit von Männern mit verantwortlich gemacht, die in Europa seit Jahrzehnten beobachtet wird. Eine Studie des Umweltbundesamtes, bei der von 2003 bis 2006 1.790 Kinder im
Alter von drei bis 14 Jahren untersucht wurden, hat insbesondere bei den Weichmachern bedenkliche Ergebnisse aufgezeigt.

BUND (pdf): Achtung: Spielzeug! Gesundheitsgefährdende Chemikalien in Kinderprodukten. (2015), S. 3

Tipps, worauf man beim Kauf achten sollte, hat die Verbraucherzentrale zusammengefasst: „PVC-frei“ wird unbedingt empfohlen. Die Hersteller geben die Inhaltsstoffe nicht alle an. Verpflichtet sind sie bisher auch nicht dazu.

Wer beim Einkaufen auf schädliche Inhaltsstoffe achten will, kann z.B. die kostenlose ToxFox-App nutzen: Man scannt den Barcode eines Produktes und erhält eine Auflistung der Inhaltsstoffe. Das taugt vielleicht nicht für den Flohmarkt, gibt einem aber im Alltag schon etwas Orientierung. Mehr Informationen über Plastik allgemein liefert eine weitere Broschüre aus dem Jahr 2018 – dies als Lesetipp zur Vertiefung.

Alternative Bioplastik?

Dass wir alle weg vom Plastik wollen, ist allgemeiner Konsens in Politik und Gesellschaft. Vor dem Hintergrund von Testergebnissen wie durch den BUND oder das BfR wird schnell die Forderung nach Alternativen laut. Dabei muss man auch hier differenzieren: Plastik ist nicht gleich Plastik, und auch heute ist nicht alles Plastik automatisch schlecht (selbst für PVC gibt es aufwändige Herstellungsprozesse, die das Risiko auf ein Minimum reduzieren).

Einige Hersteller suchen bereits nach nachhaltigen Alternativen: LEGO, der Branchenprimus aus Dänemark, der sich auch im Hause Padermama wachsender Beliebtheit erfreut, hat sich selbst verpflichtet, bis 2030 nachhaltig zu produzieren. Das bedeutet: Biologisch abbaubar und biologisch angebaut. Hauptbestandteil der Plastikklötze ist bisher Erdöl. Und leider scheint das Unterfangen, das immerhin mit mehreren Millionen Euro gefördert wird, auf Probleme zu stoßen. Alternative Kunststoffe aus Zuckerrohr bringen aktuell noch keinen wirklichen Erfolg. Zum Weiterlesen: Bis 2030 will Lego seine Klötze komplett nachhaltig herstellen.

Auch bei Playmobil arbeitet man an Bio-Alternativen. Auf Nachfrage erhalte ich folgende Antwort zum Thema „nachhaltige Inhaltsstoffe“:

Beim Thema Bioplastik haben wir erfolgreiche Versuche unternommen, aber es sind noch immer etliche Fragen rund um dieses Thema zu lösen. Denn wir werden keine Kompromisse im Bereich Qualität oder Spielzeugsicherheit machen. Gerade die Sicherheit der nachhaltigen Materialien, Verfügbarkeiten, technische Parameter wie Langlebigkeit, Belastbarkeit oder UV-Stabilität etc. sind noch nicht mit unserem Qualitätsverständnis vereinbar. Playmobil-Kunden sollen auch beim Einsatz nachhaltiger Rohstoffe die gewohnte Spielzeugqualität erhalten.

Stellungnahme Playmobil

Ein positives Beispiel der Spielzeugbranche ist PlayMais, ein komplett aus Mais und in Deutschland hergestelltes, pädagogisch wertvolles und verdaubares (!) Spielzeug.

Auch Schleich beschäftigt sich, so erfahre ich in unserem Gespräch, mit Alternativen zu bisherigem Plastik, man wolle aber nicht den Eindruck erwecken, dass die Tiere bisher mit „schlechtem Plastik“ hergestellt würden. Das sei nicht so, man sei aber trotzdem dran.

nachhaltiges spielzeug

Lebensdauer und Entsorgung von Spielzeug: Wohin mit dem ganzen Plastik?

Abgesehen von Inhaltsstoffen geht es bei der Nachhaltigkeit auch um die Lebensdauer. Wie lange wird ein Spielzeug bespielt, bevor es in der Tonne landet? Und wie lange braucht es, um zu verrotten? Hinzu kommt das Problem der Verpackung, die ja auch noch entsorgt werden muss.

Plastiksteine von LEGO können sich im Meer bis zu 1300 Jahre halten, bevor sie zu Mikroplastik werden. Die extrem lange Haltbarkeit der Plastikklötzchen ist das Problem: Wie soll man das umweltfreundlich abbauen? Irgendwann zerfällt das Plastik in besagtes Mikroplastik und gerät in unseren Lebensmittelkreislauf (Quelle).

Wieviel Plastikspielzeug ist bei uns schon kaputt gegangen! Wie lang ist die durchschnittliche Lebensdauer von gebastelten Ü-Ei-Figuren, ganz zu schweigen von den Plastikeiern, in denen sie verpackt sind? Eine Woche? Zwei? Bei uns landen die recht bald im Müll.

Mit der Entwicklung von „Bioplastik“ sind die großen Hersteller Lego, Playmobil und Schleich auf einem guten Weg. Für diese drei Hersteller kann ich schon auch aus eigener Erfahrung sagen: Die Spielzeuge werden allesamt lange bespielt und vererbt, auch der Flohmarktwert der Spielzeuge ist recht stabil.

Doch nicht allein die Entsorgung des Spielzeugs ist ein Problem. Das Umweltproblem beginnt spätestens beim Auspacken: Wohin mit der Verpackung?

Innerhalb der Spielzeugbranche gibt es erste Trends, dass die Verpackung so konstruiert wird, dass man sie ins Spiel einbeziehen kann. Die Verpackung wird also selbst zum Spielzeug, wie z.B. bei den „Tube Toys“ von dem Londoner Designstudio Oscar Diaz. Insgesamt will man weg von der ganzen Verpackung. Hasbro will ab 2020 auf Plastikverpackungen bei neuen Spielzeugen verzichten.

Bei Playmobil macht man sich Gedanken dazu. Ich erhalte folgende Antwort zum Thema „Verpackungen“:

Verpackungskonzepte stehen auf dem Prüfstand. Sowohl die Umkartons als auch die Bauanleitungen bestehen zu 100% und die Verkaufsverpackung zu 99% aus Recyclingpapier/-pappe. Kataloge aus FSC Papier. Selbstverständlich wird bei der Anlieferung von Produktionsmaterial, wo möglich, auf unnötige Verpackung verzichtet. Im Hintergrund arbeitet man natürlich an mehreren Projekten, sich in Bezug auf Nachhaltigkeit kontinuierlich zu verbessern. Diese müssen aber ganzheitlich getestet werden und werden erst umgesetzt, wenn alle notwendigen Vorgaben zu 100% erfüllt werden können.

Stellungnahme von Playmobil in einer Email

Bei Schleich hält man sich noch bedeckt – hier bin ich gespannt, was unser nächstes Gespräch ergibt. Das Thema ist dort sehr präsent, im Hintergrund wird bereits an umweltfreundlichen Verpackungslösungen gearbeitet. Auch bei Lego will man hin zu Papierverpackungen.

Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass wenn diese großen Firmen diesen Weg einschlagen, auch andere folgen werden. Wir finden hier im Hause Padermama nichts überflüssiger als Umverpackungen aus halb Folie und halb Karton: Wie soll man das als Verbraucher trennen? Und warum werden Autos in Kartons angeschraubt?

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Ist second hand eine gute Alternative?

A propos Flohmarkt: Bisher habe ich immer gedacht, dass second hand immer öko ist. Ich kaufe und verkaufe viele Sachen über entsprechende Online-Plattformen (Bücher, Kleidung) und ich gehe auch auf Kinderbasare – weil es besser für meinen Geldbeutel ist, aber auch, weil man dadurch die Lebensdauer von Dingen verlängert, die sonst im Müll und am Ende als Mikroplastik enden.

Doch angesichts der schädlichen Inhaltstoffe in älterem Spielzeug muss man leider sagen: Finger weg! Auch die Verbraucherzentrale rät von altem Spielzeug ab. Selbst Legosteine aus den 70ern sind noch ganz anders belastet als heutige Produktionen – was natürlich extrem schade ist, da blutet mir persönlich das Herz. Andersrum beobachte ich, wie meine Kinder von selbst „altes“ und „neues“ Lego trennen. Die Spielserien heute üben einen ganz anderen Reiz aus, und natürlich haben wir hier viel Lizenz-Lego, das die Kinder einfach haben wollen und natürlich auch bekommen.

Viele Eltern haben vielleicht keine andere Wahl, als second hand zu kaufen. Auch bei uns im Regal steht viel second-hand-Spielzeug, und wir bekommen auch einfach so vieles geschenkt, z.B. von Nachbarn, die ihre Keller aufräumen. Mit dieser neuen Erkenntnis werde ich jetzt also nicht alles alte Spielzeug entsorgen, was bereits da ist (das würde hier auch Proteste geben). Aber natürlich habe ich das von jetzt an im Hinterkopf und nehme die Erkenntnis mit für die Zukunft.

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Fazit

Es scheint kaum möglich zu sein, beim Spielzeugkauf verantwortungsbewusst, pädagogisch wertvoll und umweltfreundlich gleichzeitig zu sein. Ein weiteres Problem, das ich bisher noch nicht behandelt habe, ist die CO2-Belastung durch die Produktion und Logistik – auch ein Punkt, den man in den Kriterienkatalog der Nachhaltigkeit aufnehmen muss.

Playmobil macht sich auch dazu bereits Gedanken:

Bei der Herstellung von Playmobil verpflichtet sich die Brandstätter Gruppe seit jeher zu einem verantwortungsvollen Umgang mit allen Ressourcen und den Auswirkungen auf die Umwelt. […] Darüber hinaus setzt die Unternehmensgruppe auf erneuerbare Energien, beispielsweise durch PV-Anlagen auf den Dächern und durch Blockheizkraftwerke. 2019 wurden 80% unseres Wasserverbrauchs am Hauptproduktionsstandort durch Regenwasser gedeckt. Durch intelligente Nutzung der Abwärme unserer Maschinen können bspw. ca. 70-80% unseres Hauptproduktionsstandorts beheizt werden.

Stellungnahme von Playmobil in einer Email

Das liest sich ja erstmal sehr schön, auch die Branchenkollegen haben das Thema auf dem Schirm. Die Logistik kommt hinzu: Lange Transportwege bedeuten auch einen hohen CO2-Ausstoß. Insofern gilt hier ähnlich wie bei Lebensmitteln: Regional hergestellt ist besser für die Umwelt.

Der Trend hin zu erneuerbaren Energien und Klimaschutz hat jüngst durch die Wahl von Joe Biden zum neuen Präsidenten der USA einen Aufschwung bekommen. Man darf wohl damit rechnen, dass sich hier in den kommenden Jahren noch einiges tun wird.

Was ich durch meine Recherche zu diesem Artikel gelernt habe: Die Hersteller machen sich Gedanken, und es gibt bereits gute Ansätze. Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind aus einer modernen Unternehmerlandschaft nicht mehr wegzudenken, ebenso wenig wie das Thema Menschenrechte. Die Verbraucher:innen sind aufgeklärter und kritischer; man weiß mehr z.B. über die Langzeitfolgen von Phtalaten, Nickel und anderen Inhaltsstoffen, die eine unmittelbare Bedrohung für die Gesundheit der Kinder darstellen.

Dass wir Verbraucher:innen mehr Druck machen, kann aber nicht die alleinige Lösung sein. Was noch fehlt – in diese Richtung ging auch der ZDF-Beitrag von „planet: e“ – ist der gesetzliche Rahmen, z.B. in Form eines Siegels. Bisher gibt es schon einige Spielzeugsiegel, aber noch keins für eine nachhaltige Produktion, die Menschenrechte und Umwelt berücksichtigt.

Ob es Sinn macht, beide Themen zu vermischen, ist die andere Frage. Das Thema Menschenrechte könnte auch in einem Lieferkettengesetz Berücksichtigung finden, das aktuell viel diskutiert wird. Hier ein Link dazu zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Bei Siegeln besteht leider auch oft die Gefahr des „Greenwashing“ – das will man auf gar keinen Fall, versichern mir Victoria Sutch und Alison Jones von Schleich. Wichtig ist vielleicht, dass wir im Gespräch bleiben: Dass die Unternehmen offen zeigen, wie sie ihre Produkte herstellen. Dass wir als Verbraucher:innen weiter Fragen stellen, und dass wir uns informieren – eine Vielzahl von Links findest Du im Anschluss. Ich darf noch hinzufügen, dass mich dieses Thema auch weiter beschäftigen wird und ich es weiter beobachten werde.

Exemplarisch habe ich mich in diesem Artikel auf die Produktion in China fokussiert. Ich möchte aber hinzufügen, dass viele Hersteller ihre Produktion breit gestreut haben, was auch aus unternehmerischer Sicht Sinn macht, nicht nur von einem Zulieferer abhängig zu sein.

Ich denke, dass wir uns angesichts der Klimakrise immer mehr solche Fragen stellen sollten, egal was wir kaufen: Was habe ich davon? Und wie lange habe ich etwas davon?

Ich versuche das auch meinen Kindern mitzugeben und war neulich ganz stolz, als mein Sohn eins dieser sinnfreien Spielzeughefte, die hauptsächlich aus Folienverpackung und Hochglanzseiten bestehen – Du weißt, welche Sorte ich meine – aus dem Supermarkt bewusst nicht gekauft hat. Seine Begründung war: „Wie lange spiele ich wohl damit? Da spare ich lieber noch und kaufe mir etwas, was ich mir wirklich wünsche.“

nachhaltiges spielzeug

Quellen und Links zum Weiterlesen

ZDF, planet e.: Fast Toys. Womit unsere Kinder spielen, ausgestrahlt am 06.12.2020

Initiativen, Verbände, Ansprechpartner

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Faire globale Liefer- und Wertschöpfungsketten.

Bundesamt für Risikobewertung (BfR): Spielzeug.

Christliche Initiative Romero

China Labor Watch

Deutscher Verband der Spielwarenindustrie, e.V.

Fair-Toys-Initiative

GEW Gewerkschaft Erziehung und Wisschenschaft: Albtraum Spielzeugwelt

Verbraucherzentrale: Wo und wie Spielzeug produziert wird

Über Inhalts- und Schadstoffe

Forschung und Wissen: Lego hält sich im Meer länger als tausend Jahre, 13.12.2020

Forschung und Wissen: Nickel aus Metall-Spielzeug kann Allergien bei Kindern hervorrufen, 19.09.2019

Business Insider: Umweltsünder im Kinderzimmer? Wie ausgerechnet Lego versucht, auf Plastik zu verzichten, 16.09.2020

FAZ: Lego mit Greta, 17.06.2019

BUND (pdf): Achtung Plastik! Chemikalien in Plastik gefährden Umwelt und Gesundheit. (2018)

BUND (pdf): Achtung: Spielzeug! Gesundheitsgefährdende Chemikalien in Kinderprodukten. (2015)

Stern: Gefährlicher Spaß, 28.10.2011

Frankfurter Runschau: Jedes sechste Spielzeug ist gefährlich, 27.10.2011

Über Lieferkette, Produktion und Arbeitsbedingungen

Sonntagsblatt: Kampf gegen menschenverachtende Arbeitsbedingungen. Spielzeugproduzenten gründen Verein, 05.03.2020

Welt: „Die Risiken der Produktion in China sind zu hoch.“ , 25.01.2014

Badische Zeitung: Schleich-Tiere aus China: warum schottet sich ein Unternehmen ab?, 23.08.2010

Tagesspiegel: Made in Germany? Made in China!, 16.09.2007

In diesem Beitrag werden Hersteller von Spielzeug namentlich genannt. Es handelt sich nicht um Werbung, sondern um einen redaktionellen Beitrag über das Thema „Nachhaltiges Spielzeug“. Dieser Beitrag enthält keine affiliate-Links und wurde nicht bezahlt oder in Auftrag gegeben. Zum Thema „Transparenz und Werbung“ auf diesem Blog erfährst Du mehr hier.

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Author

Sonja alias Padermama - kreativ-wilde Mama von vier Kindern. Liebt ihren Garten, Nähen und laute Musik.

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