Als ich im Hamburger Stau vor dem Elbtunnel an dem Luxus-Wohnmobil der Superlative vorbeirolle, zieht sich mein Magen zusammen und eine tiefe Falte legt sich auf meine Stirn. Der Grund: Das aufwändige (und teure) Design eines Luxus-Wohnmobils. Es sind Nazisymbole und Parolen, bis hin zum Code „HH“ in der Mitte des Kennzeichens. Man muss kein Genie sein um zu wissen, wofür das steht.

„Führerhaus“

Ich habe viel darüber nachgedacht diesen Text zu schreiben. Eigentlich will ich mich diesem Thema hier nicht widmen. Nicht, weil es thematisch nicht passt, sondern weil hinter den Symbolen und Sprüchen eine erschreckende Macht steht, die vor rund 70 Jahren dieses Land in einen Aschehaufen verwandelt hat.

Doch dieses Bild lässt mich nicht los: Ein sehr gepflegtes, neuwertiges Superwohnmobil mit Nazisprüchen und -symbolen.

Von Hamburg bis weit nach Hannover beschäftigen sich meine Gedanken mit jenem amerikanischen (!) Wohnmobil, das gebraucht knapp 100.000€ kostet.“

Den Wikinger mit dem Thors Hammer hinten sehe ich zuerst. Im Bogen über ihm steht eine Kampfparole in einer runenähnlichen Schrift. Mein Blick fällt auf das Nummernschild, in dessen Mitte „HH“ steht, eine bekannte Abkürzung, die ich hier nicht weiter ausschreiben oder erklären werde.

Seitlich grinsen goldene Totenköpfe, aber am schlimmsten finde ich die goldenen, altdeutschen Lettern über der geräumigen Fahrerkabine: „Führerhaus“ steht da, und darunter: „Fahrer spricht deutsch“.

Gedankenstarre

Links neben mir fuhr ein alter Ford-Kombi, die Insassen eine bunte Multi-Kulti-Truppe. Direkt hinter mir ein Reisebus aus Spanien. Wir fahren Schritt im Stau, eine ganz normale Szene auf Deutschlands Autobahn. Bei mir im Auto fahren zwei meiner Kinder mit, wir sind auf dem Rückweg aus dem Sommerurlaub.

Mir sind die rechten Tendenzen in unserer Gesellschaft bewusst. Ich war nach der letzten Bundestagswahl sehr desillusioniert, als ich in meinem Wahlbezirk (meiner Nachbarschaft!) einen Stimmenanteil von 16% für die rechte Partei, die ich namentlich nicht auf meinem Blog nennen will, feststellte.

Mittlerweile trauen sie sich offen mit so einem Mobil auf die Straße. Ich habe recherchiert (Google), und die genannten Sprüche eingegeben. Ich bin entsetzt, welche Anbieter in welcher Fülle solche Aufkleber und Plots zum Verkauf anbieten!

Dieser Blogbeitrag ist ein Versuch meinem inneren Entsetzen, diesem stummen „NEIN“ und „kann-doch-nicht-wahr-sein“ eine Stimme zu verleihen.

Dreistigkeit

Dreist. Was anderes fällt mir nicht ein. Ich bin entsetzt über die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Wohnmobil schmücken und so provokant präsentieren. Jemand müsste dem Einhalt gebieten.

Jemand.

Müsste.

Wer?

In meinem Kopf spielt sich ein Kurzfilm ab, in dem ich das Mobil ramme, obwohl es doppelt so groß ist wie unser T4. In meinem Kopfkino bin ich natürlich eine Nahkampfspezialistin und kann die beiden mutmaßlichen Hitlerverehrer und Holocaustleugner den Behörden übergeben.

Aber wofür?

Was haben sie getan, außer ihre politische Weltanschauung so offen zur Schau zu stellen? Einfach da zu sein, als Platzhirsch auf der Autobahn, ist ja noch kein Verbrechen.

Vielleicht ist es das, was mein Herz so zusammenkrampfen lässt. Meine Hilflosigkeit. Soll ich die Polizei rufen? Den TÜV? Wer ist für sowas zuständig?

Im Rückspiegel sehe ich den Luxusliner noch eine Weile, neben meinem schlafenden Kind, das an diesem Tag hohes Fieber hat. Dem sollte meine mütterliche Sorge gelten. Darüber sollte ich als Mamablogger Blogbeiträge schreiben.

Auf der politischen Bühne geschehen seit einigen Jahren ungeheuerliche Dinge in diesem Land. Zu glauben, dass diese Leute gute Lösungsansätze für die Probleme unserer Gesellschaft hätten, ist blanker Unsinn. Das sagt mir mein Herz, und das sagt mir die Angst, die diese Leute in mir auslösen.

Nachdenklich fahre ich in den Elbtunnel. Ich nehme die Röhre ganz links.

Was sagst du dazu? Hattest du schon eine ähnliche „Begegnung“? Schreib mir gern in den Kommentaren, vielen Dank!

Sharing is Caring! Vielen Dank fürs Teilen 🙂
Author

Sonja alias Padermama - kreativ-wilde Mama von vier Kindern. Liebt ihren Garten, Nähen und laute Musik.

6 Comments

  1. Liebe Sonja,
    Gratulation!! Toll geschrieben und ich kann gut nachvollziehen wie du dich gefühlt hast. Sowas geht gar nicht!!! Das ist echt dreist. – Einen schönen Blog hast du, gefällt mir sehr, da hab ich mich gleich mal in die Leseliste eingetragen, damit ich immer auf dem Laufenden bleibe. 😀

    Viele, liebe Grüße,
    Annette

    • Sonja Reply

      Hallo Frau Augenstern *wink*,

      da freu ich mich aber, dass du hergefunden und den Blog für schön befunden hast, danke :).

      Ja, wenn ich an die Situation denke, fühl ich mich gleich wieder düster und betrübt. Ich finde es mehr als bedenklich, dass diese Gesinnung wieder salonfähig zu sein schein. Das geht in meinen Augen gar nicht, und ich will auch nicht begreifen, warum sich immer noch Menschen finden, die auf die Parolen abfahren. Das geht so gegen jeden Funken Verstand und Anstand… 🙁

      Deshalb war es mir wichtig das hier zum Ausdruck zu bringen. Danke für deine Worte!

      Lieber Gruß,
      Sonja

  2. Liebe Sonja,
    ich habe gerade deinen Beitrag gelesen und muss jetzt erstmal meinen Blutdruck wieder runterbringen. Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen. Unfassbar was in manchen Köpfen so vor sich geht. Manchmal fehlen mir echt die Worte, wenn die Kinder so etwas erklärt haben wollen.
    Viele Grüße! Tina

  3. Sonja Reply

    Liebe Tina,

    ja, dieses ohnmächtige, wütende Gefühl, das eine solche Begegnung nach sich zieht, ist furchtbar :(. Ich suche immer noch nach einer Strategie, wie ich das für mich verarbeite. Denn leider gibt es eine starke rechte Tendenz in unserer Gesellschaft, und ihr ohnmächtig zu begegnen, kann nicht gut sein.

    Ich danke dir für deinen Kommentar – es tut gut zu wissen, dass ich mit meinen Gedanken und dem Unbehagen nicht allein bin!

    Lieber Gruß,
    Sonja

  4. Weltenbürgerin Reply

    Hallo Sonja,
    sehr schön geschriebener Post. Mich schockiert es auch immer wieder, dass Menschen mit einer solchen Gesinnung existieren. Mir gegenüber enttarnen sie sich eigentlich nicht, da ich mit marokkanisch-stämmigen Mann und dunkelhäutigen Sohn für sie eindeutig „zur anderen Seite“ gehöre – also wird über die eigene Gesinnung geschwiegen oder geheuchelt. Es macht mir besonders vor meinem familiären Hintergrund Angst. Die Angst um meinen Sohn ist heutzutage genauso groß wie die überdimensionierte und realitätsferne Angst der Hetzer und Manipulierten um ihre kleinen blonden Töchter.
    Ganz schlimm, dass viele anscheinend nichts aus der Geschichte gelernt haben. Ich hoffe, wir kriegen noch die Kurve…
    Lieber Gruß,
    Corinna

    • Sonja Reply

      Liebe Corinna,

      was soll ich sagen – es tut mir unfassbar leid! 🙁
      Ich kann deine Angst so gut nachvollziehen. Das rechte Pack ist zunehmend gewaltbereit und skrupellos. Wohin uns der Rassismus führt, kann man in den ärmeren Gegenden in den USA beobachten – laut Volker Pispers der „Kapitalismus im Endstadium“.
      Angst ist das zentrale Instrument der Rechten (schon immer gewesen). Gestern bin ich über ein Buch einer A rschlöcher f ür D eutschland – Aussteigerin gestolpert, und sie sagt genau das: Die Angst ist der wichtigste Verbündete der Rechten.

      Ich war so naiv zu glauben, dass wir mit dem 20. Jahrhundert die größten Kriege und Krisen hinter uns hätten. Dass wir als Menschheit nun klug genug wären im Humanismus die Wahrheit zu sehen und dass wir Rassismus und Intoleranz gegen Minderheiten (und Frauen) abgelegt hätten. Leider erkenne ich jeden Tag ein Stück mehr, dass es nicht so ist. Dass Rassismus und Ausgrenzung Alltag sind.

      Leider hilft dir das nicht, wenn dein Sohn morgens das Haus verlässt. Die Angst wird immer da sein – zusätzlich zu den Ängsten, die wir Mütter sowieso um unsere Kinder haben. Ich wünsche deiner Familie und dir einen Schutzengel, der über euch wacht.

      Alles Liebe,
      Sonja

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